Ulrichstein: Erstes Seniorendorf-Projekt im Vogelsbergkreis soll nun zügig realisiert werden!

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Herbststimmung in Ulrichstein - Ein idealer Ort für Neubürger im "Herbst des Lebens"

Die Idee

Längst hatte sich der Anfang der 1980er Jahre errichtete Ferienpark am Rand der Kernstadt Ulrichsteins, heute ein reguläres Wohngebiet, zu einem Quartier entwickelt, in dem sich überwiegend Ruheständler aus der Rhein-Main-Region niederließen. Die zumeist recht kleinen Einzel- und Doppelhäuser auf zum Teil sehr großzügigen Grund-stücken boten vielfach gute Voraussetzungen für barriere-freies Wohnen, in jedem Fall aber viel Lebensqualität in einem verkehrsberuhigten und naturnahen Wohnum-feld. Was lag da näher, so dachte sich der Ulrichsteiner Neubürger Ulrich Lange, seit vielen Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz und inzwischen selbst im Rentenalter, als die Idee eines Seniorendorfes in Ulrichstein publik zu machen, um Gleichgesinnte zu finden, die genau wie er selbst nach neuen Wohnformen suchten, die - auf der Basis von selbst organi-

So lautet der Beschluss einer Initiativgruppe, die nach über 2-jähriger Vorbereitung am 31.08. 2014 im Ferienpark Burgblick zusammen trat. Zunächst sollen engagierte Miet- und Kaufinteressenten mit günsti-gen Offerten für die Übersied-lung in den Wohnpark gewon-nen werden. Eine organisierte Nachbarschaftshilfe will zu-gleich Alt- und Neubürger zu-sammen führen und Die Not-wendige Versorgungssicherheit schaffen. 



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Wohnidyll im Ferienpark Burgblick

sierter Nachbarschaftshilfe - ein aktives und selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter ermöglichten. So stellte er seine Vision von einem "Wohnpark Burgblick Ulrichstein" wohlgemut ins World Wide WebDer Zeitpunkt für die Realisierung eines solchen Vorhabens schien günstig zu sein. Gerade war das Modell der "active adult community", das in den USA bereits seit Jahrzehnten sehr populär ist (siehe "Sun City" in Florida), in der Variante "Seniorendorf" nach Deutschland importiert worden und fand vor allem in den Medien große Beachtung.

 

Zu Anfang wenig

Resonanz

 

"Die Resonanz auf meinen Vorstoß", so erinnert sich Ulrich Lange, "war dagegen mehr als dürftig." Die Nachbarn im Ferienpark reagierten mit ersichtlicher Zurückhaltung. Und auch Werner Abel, dessen "Ferienpark Burgblick GmbH" den Restbestand der zu etwa 60 Prozent an Privatleute verkauften Ferienhäuser verwaltet, plante zunächst ein Großprojekt mit Pflegeheim und angeschlossenen Pflegewohngruppen.

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Leben mit Haustieren ist im Wohnpark Ulrichstein kein Pro- blem! Der alte Tennisplatz im Hintergrund wurde übrigens in- zwischen in einen attraktiven Wohnmobil-Stellplatz verwan- delt.

Doch die Zeit arbeitete dann doch für die "kleinere Lösung". Denn alle Bedarfsprognosen bestätigen eine Marktsättigung im Bereich der Pflegeheime. So stellt der Zwischenbericht des im Herbst 2013 abgeschlossenen Forschungsprogramms zur Bewältigung des demo-grafischen Wandels ("MORO") für die Modellregion Vogelsbergkreis fest, dass das Angebot an vollstationä-ren Pflegeplätzen bis zum Jahr 2030 absehbar aus-reiche, während sich der Schwerpunkt des immer noch wachsenden Betreuungsbedarfs älterer Menschen auf die Schaffung einer Infrastruktur verlagere, die ein selbst bestimmtes Leben zu Hause ermögliche. Hierbei müssten durch Kooperation von professionellen und ehrenamtlichen Akteuren Netzwerke zur Vorsorge (geriatrische Reha), Beratung (Behördenanträge, Rechtsfragen etc.), Qualifizierung, Unterstützung und Entlastung pflegender Angehöriger sowie zur Versor-gung bei Demenz und altersbedingter Depressivität ge-

schaffen werden.

Kein "Sun-City" im Vogelsberg 

 

Bürgerschaftliches Engagement ist im Zeichen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels im Pflegebereich das Gebot der Stunde. Zudem wächst die Zahl der Älteren, die als Singles oder Kinderlose nach Verlust des Ehepartners durch Tod und Scheidung nicht auf pflegende Angehörige werden zurückgreifen können. Gleichzeitig sehen sich Seniorinnen und Senioren, die in den Ballungsgebieten wohnen, einem starken Verdrängungswettbewerb um knappen Wohnraum ausgesetzt. Sie können oder wollen explodierende Mieten und Nebenkosten nicht mehr bezahlen. Und gar der Traum vom Altersruhesitz im Grünen lässt sich im Umfeld der Großstädte und ihrer Speckgürtel nicht einmal mehr bei üppigen Altersbezügen realisieren.   

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Ein Häuschen im Grünen für 270,- Euro Kaltmiete

Dass nicht der absolute Rentenbetrag die Lebensqualität im Alter bestimmt, sondern derjenige, der nach Abzug aller Unkosten zum Leben übrig bleibt, kommt - notgedrungen oder nicht - inzwischen vielen Rentnern zu Bewusstsein. Entsprechend hat sich die Zahl der Anrufer, die sich auf Ulrich Langes Projekt-beschreibungen im Internet melden, mittlerweile merklich erhöht. "Nicht wenige", so räumt Lange ein, "sind allerdings noch in der Vollkasko-Mentalität des alten Sozialstaats gefangen. Alles soll nach Möglichkeit schon fertig sein. Es wird ein Programm erwartet wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Und kosten soll es bitteschön am liebsten nichts." Eine zweite Problemgruppe seien die "Spinner und Geschäftemacher", die sich als Vermittler oder Luxusdienstleister mit wenig Arbeit ein großes Stück von dem Kuchen einverleiben wollten, den andere durch ehrenamtliches Engagement schüfen. Sozialschmarotzer mit Bakschisch-Mentalität, so Lange, gelte es natürlich fern zu halten. Überhaupt solle der geplante Wohnpark kein "Sun City im Vogelsberg" werden. Golf-Clubs gebe es schon genug. Dank günstiger Mietpreise und Mietkaufkonditionen könnten sich gerade solche Menschen in Ulrichstein verwirklichen, die zwar nicht begütert, aber dafür reich an guten Ideen, Talenten, Fähigkeiten sowie an sozialen Tugenden seien.  

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Rustikal und barrierefrei - Vier Appartements wie hier bieten in unterschiedlichen Konfigu-rationen Lösungen für vielerlei Bedürfnisse.

Faire Angebote durch Direktvermarktung

 

Dass es bei der Realisierung des Wohnpark-Konzepts nicht in erster Linie ums Geldverdienen gehe, betont auch GmbH-Geschäftsführer Werner Abel. Da habe es ganz andere Optionen gegeben, denn Unterkünfte für Flüchtlinge z.B. würden derzeit händeringend gesucht. Wesentlich sei, dass ein Wohnmodell für ältere Menschen, das aber ausdrücklich nicht als "Senioren-Ghetto" gedacht sei und auch nicht nur für eine bestimmte Einkommmensschicht, absolut in die sozial-politische Landschaft passe. 

Wenn es nur irgend machbar sei, wolle man die Vermietung und den Verkauf ohne Vermittler oder Zwischenhändler selbst organisieren. Die so ersparten Provisionen kämen direkt den neuen Bewohnern zugute. Selbst Mietkauf sei ohne Bankkredit möglich, was insbesondere für ältere Interessenten im Rentenalter von Vorteil sei, die von Geldinstituten oft als nicht mehr kreditwürdig angesehen würden.

Besonders eingehend befasste sich Abel bei der Entwicklung seiner Vorstellungen mit der variablen Nutzung und entsprechenden Modernisierung einzelner Haustypen. Insbesondere in den größeren Appartementhäusern könnten Einraum-wohnungen für Einzelpersonen (z.B. Hilfskräfte) zur Verfügung gestellt werden. Es seien aber auch zwei getrennte Haushälften mit jeweils separatem Eingang, Pflegegemeinschaften mit ein oder zwei Angehörigen und bei entsprechendem Ausbau sogar Pflegewohngruppen mit einer Betreuungsperson denkbar. Und natürlich könnten Lebenspartner oder Kinder und Eltern in getrennten Häusern, aber Tür an Tür leben.      

Platz nehmen und sich wohl fühlen. Alt werden in der Geborgenheit einer zuver-lässigen und achtsamen Nachbarschaft
Platz nehmen und sich wohl fühlen. Alt werden in der Geborgenheit einer zuver-lässigen und achtsamen Nachbarschaft


Intensive Beratungen

 

Nicht ganz konfliktfrei verliefen die Gespräche über die Frage, welche Betreuungsleistungen im Rahmen der Nachbarschaftshilfe erbracht werden sollten und ob es hierzu einer verbindlichen Organisation (z.B. der Gründung eines eigenen Vereins) bedürfe, wie sie beispielsweise im benachbarten Schotten existiere. Um dies abzuklären, wollen die fünf Wohnpark-Initiatoren sich ausreichend Zeit nehmen und sich bei anderen Gruppen und Vereinen eingehend informieren. Zusätzlich sollen intensive Kontakte zur Stadt- und Kreisverwaltung aufgebaut werden, um zusätz-liches Knowhow zu erschließen und Unterstützung zu erhalten. Schließlich gehe es auch darum, Parallelstrukturen zu vermeiden und sich mit anderen engagierten Bürgern und ihren Aktivitäten zu vernetzen.

In das Wohnpark-Projekt einsteigen, so ist Ulrich Lange überzeugt, könne man jedoch sofort, denn das "Seniorendorf im Ferienpark Burgblick" sei real bereits vorhanden. Jeder, der neu hinzukomme, könne sich der Initiativgruppe direkt anschließen und erhalte die nachbarschaftliche Unterstützung, die er brauche bzw. die ausreiche, so lange er nicht ernsthaft krank oder pflegebedürftig sei. Wie sich das Nachbarschaftsprojekt entwickele, sei davon abhängig, wie viel jeder einzelne in die Gemeinschaft einbringe. Die beste Organisation nütze wenig, wenn es den Beteiligten an einer aufrichtigen Gesinnung fehle. In diesem Zusammenhang appellierte Lange an die Anwesenden, das Geschäftliche - nämlich Vermietung und Verkauf der noch zur Verfügung stehenden Häuser - und die angestrebte Nachbarschaftshilfe sauber voneinander zu trennen. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass mit dem ehrenamtlichen Engagement der Wohnpark-Gemeinschaft lediglich Verkaufsförderung betrieben werde und die versprochene Nachbarschaftshilfe am Ende möglicherweise ausbleibe. Der gute Ruf eines Projekts sei schnell verspielt, wenn der Verdacht aufkomme, dass Ehrenamtliche offen oder verdeckt dafür belohnt würden, dass sie wie Schlepper auf St. Pauli Miet- oder Kaufinteressenten anwürben. Zuletzt steuerte Felicitas Thalheim die Erkenntnis bei, dass es im Vorfeld schon einer gewissen engagementfördernden Infrastruktur wie z.B. eines festen Treffpunkts bedürfe, um Freiwillige anzuziehen und für die Mitarbeit zu motivieren. In einem ersten Schritt soll nun im Haus Burgblick 1 und 2 des Ferienparks eine kleine Begegnungsstätte eingerichtet werden.

U.L.